Erinnerung an einen Schmetterling

Ein FRAUENleben
Ich muss zugeben, dass ich dem Buchprojekt FRAUENleben gegenüber etwas skeptisch war und teilweise noch bin. Ein männlicher Fotograf, der nackte Frauen fotografiert und fotografieren lässt. Bekommen wir nicht fast täglich neue Beweise dafür geliefert, dass den Männern nicht zu trauen ist? Nun, dachte ich dann, selbst wenn ein gewisser Voyeurismus im Spiel sein könnte, die Frauen haben freiwillig mitgemacht und empfanden es sogar als befreiend, weil sie sich dadurch ermutigt und darin bestärkt fühlten, den eigenen Körper anzunehmen, wie er ist, auch wenn er nicht den gängigen Schönheitsnormen entspricht.
Vor allem aber interessierte mich das Buch, weil eine Freundin daran mitgearbeitet hat, die sich im Dezember vom Leben verabschiedet hat. "Ihre Beiträge zu unserem Buch überraschten mich. Faszinierten. Durch Ungewöhnlichkeit. Durch eine Sichtweise abseits von. Durch große Offenheit. Durch starke Emotionen." So beschreibt der Künstler und Mitherausgeber des Buches Rochus Gratzfeld ihre Beiträge. Nun halte ich das Buch in Händen und bin nicht nur von den ehrlichen, berührenden und aufrüttelnden Bildern und Geschichten beeindruckt, sondern vor allem vom Mut der Frauen, ihre innersten Gedanken und Gefühle so offen und ungeschützt zu präsentieren wie ihre Körper.
Offen und ungeschützt war auch Yasemin, denke ich. Manchmal nannte sie sich Mariposa, Schmetterling, was ihre Zerbrechlichkeit gut ausdrückte. Ihr fehlte der Panzer, mit dem sich die meisten Menschen vor der oft unbarmherzigen Wirklichkeit schützen. Ich erinnere mich an unsere ersten Begegnungen, die inspirierend und produktiv waren. Ich muss jedoch zugeben, dass es für mich mit der Zeit immer schwieriger wurde, ihre verzweifelten und leider vergeblichen Kämpfe zu verarbeiten.
Yasemin war eine einfühlsame und talentierte Künstlerin, allein das Talent, in dieser oft feindseligen Welt zu überleben, hat ihr gefehlt. Der schlimmste Mord ist der Mord an der Lebensfreude, schrieb sie einmal. Ihre Hilfeschreie blieben jedoch unerwidert, denn die Hilfe, die sie benötigt hätte, hatte ihr niemand geben können. Sie war mitfühlend mit anderen, wie ihr aufopferndes Engagement für Geflüchtete beweist, doch mit sich selbst hatte sie kein Erbarmen. Sie bewegte sich so nahe am Abgrund, bis dieser sie eines Tages verschluckte.
Folgende Zeilen aus einem Beitrag, den sie vor einigen Jahren für unsere Zeitschrift geschrieben hat, lassen ihre himmelschreiende Einsamkeit erahnen: "Wir versuchen, für unsere Schmerzen Wörter zu finden und Sätze zu bilden, aber es gelingt uns nicht. Es gelingt uns nicht, weil es für die tiefsten und innersten Schmerzen keine Ausdrucksweise gibt, und deshalb sind wir im wahrsten Sinne mit unseren Gefühlen überfordert und fühlen uns meistens allein, sogar wenn wir eine Familie oder einen Mann an unserer Seite haben. Da wir für unsere Gefühle keine wahren Worte finden, lassen wir unsere Liebsten in der dunklen Nacht nach der Wahrheit suchen."
Ich bin dankbar, dass ich Yasemin kennenlernen durfte. Ich freue mich auch, dass sie an diesem Buch mitarbeiten konnte. Es hat ihr Mut gemacht, Frauen kennenzulernen, die allen Schicksalsschlägen zum Trotz ihre Zuversicht nicht verloren haben. So kann man sagen, dass das Buchprojekt einen therapeutischen Effekt gehabt hat, sowohl für diejenigen vor als auch für diejenigen hinter der Kamera. Als wichtiges Motiv für die Mitarbeit an diesem Buch nannte Yasemin auch den Wunsch, ihrem kleinen Sohn, der für sie alles war, der ihr aber immer wieder entrissen wurde, etwas von ihr zu hinterlassen. Etwas, das er nach ihrem Tod in den Händen halten kann. Das ist ihr mit den wunderbaren und erstaunlichen Beiträgen in diesem Buch gelungen, durch die sie allen, die sie kannten und liebten, in lebendiger Erinnerung bleiben wird.
beate w.
FRAUENleben
Von Sonja Schiff und Rochus Gratzfeld
In diesem Fotoband haben 33 Frauen den Mut aufgebracht, sich in schwarz-weißen Akten oder Halbakten zu zeigen. Sie äußern sie sich teils kürzer, teils länger zu den Themen Frausein, Körperlichkeit und Altern.
"Da sein. Genau jetzt in diesem Augenblick. Kein Verbiegen mehr. Kein über die Grenzen gehen müssen mehr. Einfach sein. In diesem Körper, genauso, wie er ist nach 42 Jahren auf diesem Planeten. Zufrieden, dankbar was mir dieser Körper geschenkt hat. Lust und Qualen."
"Wenn du dir mit Glatze und ohne Brust, aufgedunsen von Cortison, morgens im Spiegel begegnest und trotzdem sagen kannst 'Hello Beauty', dann weißt du, dass du es schaffen wirst! Und du bist froh, am Leben zu sein, egal wie du aussiehst. Jede Narbe hat mich ein Stück stärker gemacht!"
Mit fortschreitendem Leben verändert sich der Zugang zu sich und zum eigenen Körper. Viele Frauen erzählen, dass sie mit den Jahren immer mehr bei sich angekommen sind, den eigenen Körper in Besitz genommen haben, sich der eigenen Körperlichkeit bewusster geworden sind und Frieden geschlossen haben. Mit sich. Mit ihrem Körper. Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft lassen Frauen staunen über ihren Körper, sie berichten von der Verwunderung darüber, was ihr Körper zu leisten vermochte, was er hervorgebracht hat. (Sonja Schiff)
mehr dazu: https://sonjaschiff.com/portfolio/frauenleben/
Sonja Schiff & Rochus
Gratzfeld: FRAUENleben.
Was es bedeutet, eine Frau zu sein.
Salzburg
& Sarród 2024. Magas Verlag. ISBN: 978-3949537189